← Zurück zum Blog

Eisklettern an gefrorenen Wasserfällen

Gefrorene Wasserfälle sind eine eigene Kategorie des Alpinismus. Anders als am Fels bietet Eis keine stabilen Griffe — die Struktur ändert sich täglich, Temperatur bestimmt, ob eine Route hält oder bricht, und der Aufprall von losgebrochenem Eis aus zehn Metern Höhe verzeiht keinen Fehler. Wer versteht, wie Wasserfälle gefrieren, warum manche Wände die härtesten Routen der Welt beherbergen, und welche Ausrüstung das Minimum darstellt, kommt zurück.

Helmcken Falls Spray Cave, British Columbia

Der Helmcken Falls im Wells Gray Provincial Park fällt 141 Meter in den Murtle River. Im Winter sammelt sich der Sprühnebel des Wasserfalls hinter der Eiswand zu einer Höhle — der sogenannten Spray Cave — die Routen der Schwierigkeitsgrades WI6+ und M13 beherbergt. Will Gadd und andere Spitzenkletterer haben hier erstmals Mischrouten erschlossen, die Eisklettern mit drytooling an überhängendem Fels kombinieren. Die Einschränkung: Die Höhle ist nur zugänglich, wenn der Sprühnebel kalt genug gefriert, was in milden Wintern ausbleibt. Zustieg über den Murtle Lake Trail (etwa 15 km), Winterlager obligatorisch.

Rjukan, Norwegen

Das Tal von Rjukan im Telemark liegt so tief, dass im Winter kein direktes Sonnenlicht einfällt — eine der Hauptbedingungen für stabile Eisrouten. Der Tinnsjå-See speist den Rjukanfossen, der als Einzelsturz einst 104 Meter fiel, heute aber durch ein Wasserkraftwerk reguliert wird. Die Kletterrouten entstehen an den natürlichen Seitenfällen und Sickerwasserfeldern im Tal. Gaustablikk liegt 15 Kilometer entfernt; Rjukan hat eine etablierte Eiskletter-Infrastruktur mit Guides und Ausrüstungsverleih. Bedingungen typischerweise Dezember bis Februar, WI3 bis WI5.

Ouray Ice Park, Colorado

Der Ouray Ice Park in den San Juan Mountains ist kein natürlicher Wasserfall, sondern ein bewässertes Eisklettergelände, das bewusst als Trainings- und Wettkampfstätte entwickelt wurde. Auf 130 Metern Breite und etwa 60 Metern Höhe entstehen jedes Jahr rund 200 Routen, bewässert durch ein Rohrsystem, das Wasser aus dem Uncompahgre River ableitet. Die Routen laufen von WI1 bis WI6. Der Vorteil: konstante Bedingungen, kurze Zustiege, gemanagte Sicherheit. Der Nachteil: keine Wildnis. Der jährliche Ouray Ice Festival im Januar ist der größte Zusammenschluss der Szene.

Cogne, Aostatal, Italien

Das Cogne-Tal beherbergt einige der bekanntesten Eisrouten der Alpen. Die Cascata di Lillaz, ein natürlicher dreistufiger Wasserfall nördlich des Dorfes Lillaz, bietet WI3 bis WI4 auf dem Haupteis und ist über einen gut markierten Pfad in 45 Minuten erreichbar. Die Route Patri (auch bekannt als La Patri) misst über 1500 Meter Eiskletterei über mehrere Teilabschnitte im Val di Cogne — eine Ganztages- bis Zweitages-Unternehmung für erfahrene Seilschaften. Die Stella Artic ist eine weitere Referenzroute im Tal, WI5+, mit einem Überhang im oberen Teil. Cogne ist per Auto über den Großen St. Bernhard oder den Aostatal-Autobahn erreichbar; Guideservices im Dorf.

Lake Louise, Banff, Alberta

Die Eisfälle bei Lake Louise im Banff National Park sind klassische Alpinziele mit Zivilisationsnähe. Die beiden bekanntesten Routen, Weeping Wall und Takakkaw, liegen am Icefields Parkway. Der eigentliche Lake-Louise-Bereich bietet moderate WI3-Routen, die als Einsteigerziel gelten. Takakkaw Falls selbst, 254 Meter hoch, gefriert im Januar zu einem massiven Eisfeld, das jedoch wegen Lawinengefahr nur für erfahrene Teams mit entsprechender Ausrüstung zugänglich ist. Der Parkplatz am Lake Louise ist ganzjährig erreichbar; Parks Canada führt täglich Lawinenbulletins.

Die AI/M-Skala verstehen

Die Water-Ice-Skala (WI) bewertet die technische Schwierigkeit einer Eisroute: WI1 ist flach gehendes Eis, WI3 ist steiles Eis bis 70 Grad, WI5 sind nahezu senkrechte Strukturen über längere Abschnitte, WI6 und höher bedeutet überhängendes, kompromissloses Eis. Parallel dazu misst die M-Skala (Mixed) Schwierigkeit an kombinierten Eis-Fels-Abschnitten, bei denen Steigeisen und Eispickel an Felsstrukturen eingesetzt werden: M5 ist technisch, M9 und höher entspricht Freiklettern am überhängenden Fels mit Stahlwerkzeug.

Eisschrauben-Abstand und die 50-Prozent-Regel

Die Platzierung von Eisschrauben folgt einer konservativen Faustregel: Kein Sturz sollte länger sein als die Strecke bis zur letzten Schraube mal zwei, plus Seildehnung. Im WI4-Gelände bedeutet das in der Praxis eine Schraube alle drei bis vier Meter auf steilem Eis. Die 50-Prozent-Regel beschreibt die Mindestdicke funktionsfähigen Eises: Wenn weniger als die Hälfte der sichtbaren Struktur an festem Untergrund haftet, hält eine Schraube im Sturz nicht. Eisqualität lässt sich am Klang beim Einschlagen prüfen — dumpf und hohl klingendes Eis ist Lufteis und trägt nicht.

Saisonvorbereitung und Rückzug

Die meisten Eisrouten der Nordhalbkugel sind von Mitte Dezember bis Mitte Februar im besten Zustand. Temperaturen unter minus zehn Grad Celsius für mindestens zwei aufeinanderfolgende Wochen sind Bedingung für WI5 und schwieriger. Wer eine Route vorhat, prüft drei Faktoren: aktuelle Temperaturkurve der letzten zwei Wochen, Sonneneinstrahlung der Wand (Nordseiten halten Eis länger), und Lawinenbedingungen am Zustieg. Ein Rückzugsplan — ein zweiter, weniger engagierter Zieltag — ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Standard.

Grundausrüstung für Eiskletterer

Die Mindestausrüstung für Einsteiger-Eisklettern (WI2 bis WI3 mit Guide): Steigeisen mit Vorderpunkten (keine Wandersteigeisen), zwei Eispickel kurzer Länge (50 bis 60 cm), Helm obligatorisch, wasserfeste, bewegliche Kletterjacke und -hose, Handschuhe in zwei Gewichtsklassen (dünne für Sichern, dicke für Pausen). Eisschrauben werden durch den Guide gestellt. Die Ausrüstung für eigenständiges Eisklettern (ab WI4) ergänzt: eigenes Schraubenset (acht bis zwölf Schrauben, 13 bis 22 cm), Eisschraube-Schlüssel zum Eindrehen, und ein verstärktes Wissen um Eisqualitätsprüfung. Schuhe müssen Steigeisen-kompatibel sein: steife Kletterschuhe oder Alpinstiefel, keine Hikingschuhe.

Múlafossar und Island als Eiskletter-Destination

Der Múlafossar auf den Westfjords Islands — ein mehrstufiger Fall, der direkt an der Küste in den Atlantik fällt — friert in strengen Wintern zu einem spektakulären Küsteneis-Objekt. Isländisches Eisklettern ist eine Nische: Die meisten Winter sind zu mild für konsistentes WI4+, aber wenn die Bedingungen passen, kombiniert Island Abgeschiedenheit, vulkanisches Gestein und atlantische Sturm-Kulisse zu einem unverwechselbaren Erlebnis. Rjukan in Norwegen ist das verlässlichere Ziel für Island-Besucher, da es mit eigenem Bus-Shuttle aus Oslo erreichbar ist und eine Infrastruktur für Einsteiger hat.

Alle Eiskletterziele auf der Karte

Gefrorene Wasserfälle weltweit sind auf der interaktiven Karte verzeichnet. Filtere nach Region und Saison, um aktuelle Ziele zu finden — von den Alpenwänden Italiens bis zu den Schluchten Kanadas.